Heute gehen wir in vielen Bereichen anders mit Pferden um als noch vor 20, 30 oder 50 Jahren. Wissen, Erfahrung und fachliches Verständnis entwickeln sich weiter – wenn man bereit ist, dazuzulernen und alte Denkweisen kritisch zu hinterfragen.
Gerade deshalb wird es problematisch, wenn Menschen weiterhin nach dem Grundsatz handeln: „Das haben wir schon immer so gemacht.“ Nicht alles, was früher üblich war, war automatisch richtig oder pferdegerecht.
Viele Erkenntnisse über Anatomie, Bewegung, Schmerzverhalten, Stressreaktionen, Lernverhalten und Pferdehaltung waren früher entweder nicht bekannt oder wurden unterschätzt.
Heute weiß man deutlich mehr darüber, wie sensibel Pferde auf:
- Schmerzen,
- Druck,
- Unsicherheit,
- widersprüchliche Hilfen,
- mangelnde Bewegung,
- Stress
- oder unpassende Ausrüstung
reagieren können.
Pferde sind Fluchttiere. Viele Verhaltensweisen, die früher vorschnell als „Ungehorsam“, „Dominanzproblem“ oder „schlechter Charakter“ abgestempelt wurden, stehen heute zunehmend im Zusammenhang mit Überforderung, Angst, Schmerzen oder dauerhafter körperlicher Belastung.
Gerade beim Thema Sattel sieht man diese Entwicklung sehr deutlich.
Viele Reiter erkennen zwar, dass ihr Pferd beim Satteln auffällig wird, reagieren darauf jedoch nicht konsequent. Stattdessen heißt es dann:
„Pass bitte auf, mein Pferd beißt beim Satteln wieder.“
Dass ein Pferd dabei möglicherweise Schmerzen, Stress oder eine negative Verknüpfung entwickelt hat, wird häufig verdrängt oder bagatellisiert.
Ein Pferd, das beim Gurten ausweicht, die Ohren anlegt, schnappt, sich festmacht oder beim Aufsteigen auffällig wird, zeigt nicht automatisch „schlechtes Benehmen“. Solche Reaktionen können Hinweise darauf sein, dass etwas nicht stimmt und ernst genommen werden sollte.
Wer Pferde verantwortungsvoll nutzt, sollte deshalb bereit sein, Ursachen zu hinterfragen – auch dann, wenn dies unbequem wird.
Veränderung bedeutet auch Selbstkritik #
Gerade aus älteren Strukturen der Reiterszene heraus entstehen bis heute viele problematische Denkweisen.
Dazu gehören unter anderem:
- das Festhalten an veralteten Methoden,
- das Verharmlosen von Schmerzreaktionen,
- die Abwertung neuer Erkenntnisse,
- oder die Vorstellung, Erfahrung allein ersetze fachliche Weiterbildung.
In diesem Umfeld entstehen leider auch viele selbst ernannte „Sattelverkäufer“, die zwar überzeugend auftreten, aber weder fundierte Zusammenhänge verstehen noch systematisch arbeiten.
Mehr dazu hier:
Das Übliche mit den Sattelverkäufern
Eine klare Aussage dazu:
Vieles von dem, was früher gemacht wurde, war fachlich nicht gut. Wer sich nicht regelmäßig hinterfragt, weiterbildet und neue Erkenntnisse ablehnt, arbeitet nach veralteten Maßstäben – häufig auf Kosten der Pferde.
Verantwortung bedeutet handeln #
Wer Verantwortung übernimmt, Probleme ernst nimmt, passende Ausrüstung organisiert oder kurzfristig einen Sattlertermin vereinbart, wird dafür leider nicht selten belächelt oder kritisiert.
Dabei sollte genau dieses Verhalten selbstverständlich sein.
Ein Pferd dauerhaft mit bekannten Problemen weiterzureiten, Warnsignale zu ignorieren oder notwendige Maßnahmen immer weiter aufzuschieben, ist keine verantwortungsvolle Pferdehaltung.
Bei den üblichen Routinekontrollen im Abstand von etwa 2–3 Monaten gilt deshalb:
Bitte folgen Sie meinen Anweisungen oder vereinbaren Sie rechtzeitig einen Termin.
Wer Pferde nutzt, sollte auch bereit sein, Verantwortung für Haltung, Ausbildung, Belastung und Ausrüstung zu übernehmen.
Sich öffentlich über Missstände in der Pferdewelt zu empören, gleichzeitig aber die eigenen Versäumnisse zu ignorieren, ist widersprüchlich.
Wer bewusst an problematischen Vorgehensweisen festhält, trägt dafür auch die Verantwortung – einschließlich möglicher Konsequenzen für das Pferd.
Wissenschaft statt reine Tradition #
Die moderne Pferdewelt entwickelt sich zunehmend weg von einfachen Dominanz- und Gehorsamsmodellen hin zu einem besseren Verständnis von Verhalten, Biomechanik, Schmerz und Sicherheit.
Das bedeutet nicht, dass frühere Generationen grundsätzlich alles falsch gemacht haben. Es bedeutet aber, dass Wissen nicht stehen bleibt.
Wer sich ernsthaft mit Pferden beschäftigt, sollte deshalb bereit sein:
- neue Erkenntnisse anzunehmen,
- das eigene Handeln zu hinterfragen,
- Verhalten nicht vorschnell zu bewerten,
- und Probleme nicht einfach als „normal“ hinzunehmen.
Ein interessanter wissenschaftsorientierter Beitrag zum Thema Angst, Sicherheit und Verhalten beim Pferd findet sich unter:
Weiterführende Informationen: #
- Warum arbeiten Sie nicht wie viele andere Sattler?
- Warum althergebrachte Sprüche nicht immer stimmen
- Über den Druck und das Unverständnis bei Auftragsanfragen
- Warum sollte der Blick auf die Trense nicht vernachlässigt werden?
- Warum die Voranmeldung zu weiteren Anwesenden?
- Warum wird in der Anmeldung nach dem Haltungssystem gefragt?
- Leitlinie Pferdehaltung
- Grundsätzliches zu reiterlichen Ambitionen
- Beritt, meine Erfahrungen
