Vorwort #
Um ein Mess-System sinnvoll einsetzen zu können, muss man seine Grenzen und Schwächen kennen. Werden zwei fehleranfällige Systeme kombiniert, steigt die Unsicherheit im Ergebnis deutlich.
Das Saddle-Check-Mess-System arbeitet mit Biegelinealen (Kurvenlinealen), die in unterschiedlichen Ausführungen erhältlich sind. Diese Geräte sind nicht geeicht und ohne zusätzliche Prüfungen nur als Hilfswerkzeuge („Schätzeisen“) einzustufen.

Prüfung der eingesetzten Biegelineale #
Die eingesetzten Biegelineale sind vor der Verwendung zunächst mit einem Referenzmaß auf ihre Tauglichkeit zu prüfen.
Hierbei wird kontrolliert:
- ob die Maßhaltigkeit ausreichend gegeben ist,
- ob sich das Lineal reproduzierbar formen lässt,
- und ob die eingestellte Form stabil gehalten wird.
Zur Referenzprüfung eignet sich beispielsweise ein:
- Skalenbandmaß weißlackiert – Duplexteilung von Nullpunkt nach links und rechts
(z. B. S 81318WSa / 40 – 0 – 40 cm)
Erst nach dieser Kontrolle sollte ein Biegelineal zur Dokumentation oder weiteren Beurteilung eingesetzt werden.
Biegelineale: Ausführung und Handhabung #
- Unterschiedliche Modelle: Aluminium (preiswert, aber wenig einfühlsam) oder Blei (besser anpassbar, aber ebenfalls verschleißanfällig).
- Maßlinien in 7‑cm-, 14‑cm- und 21‑cm-Abständen.
- Abformungen sind nicht fixierbar – es braucht viel Fingerspitzengefühl und kurze Wege vom Pferd zum Aufzeichnungsblatt.
- Materialermüdung erfordert regelmäßigen Austausch.
Alternativ kann ein speziell eingerichtetes 60‑cm-Kurvenlineal genutzt werden (siehe: FAQ Kurvenlineal als Messbügel nach BVFR).
Praxisbezug:
Die Beurteilung eines Sattels erfolgt nicht anhand einer Momentaufnahme im Stand, sondern unter Bewegung und realer Belastung. Wie dies in der Praxis umgesetzt wird, zeigt das folgende Video.
Wissenschaftliche Einordnung:
Die wissenschaftliche Literatur zeigt klar, dass die Beurteilung eines Sattels nicht auf statischen Messungen im Stand basieren kann.
- Der Pferderücken verändert sich unter Bewegung und Belastung deutlich, wodurch Standaufnahmen die tatsächliche Situation nur unzureichend abbilden.
- Bereits geringe Veränderungen an der Sattelpassform führen zu messbaren Auswirkungen auf Bewegungsablauf und Belastung.
- Unpassende Kopfeisenweiten verändern die Druckverteilung signifikant und können die Beweglichkeit des Pferdes einschränken.
Einfluss der Sattelpassform auf Druckverteilung und Bewegungsmechanik (Studie ansehen)
Eine rein statische Messung oder Mittelwertbildung kann diese dynamischen Zusammenhänge nicht abbilden.
Grenzen des Systems #
- Die Aufzeichnung stellt nur eine Momentaufnahme im Stand (Tag X) dar.
- Sie sagt nichts über die tragfähige Muskulatur in Bewegung oder die Kopfeisenweite unter Belastung aus.
- Es fehlt ein fester Lot-Punkt. Ungleichheiten werden nur optisch auf dem Blatt sichtbar.
- Über die Verbindung zum TOMAX® HBST – Pferderückenabbilder verstärken sich die Schwächen:
- Mittelwertbildung statt realer Darstellung.
- Pferderücken wirkt gleichmäßiger als in Realität.
- Verspannungen, Schiefstände und muskuläre Defizite werden nicht korrekt abgebildet.

Das Vermaß-Protokoll dokumentiert nicht nur einzelne Maße, sondern die Zuordnung sämtlicher Befunde zu reproduzierbaren Längs- und Querpositionen des Pferdes.
Hierdurch können Unterschiede zwischen linker und rechter Körperseite, lokale Auffälligkeiten sowie funktionelle Veränderungen nachvollziehbar festgehalten werden.
Problem der isolierten Datenweitergabe #
Einzelne Maße, Querprofile oder Winkelangaben dürfen nicht losgelöst vom Gesamtbefund betrachtet oder weitergegeben werden.
Zur fachlichen Einordnung gehören immer:
- die exakte Messposition,
- die fotografische Dokumentation,
- die Seitenzuordnung,
- die funktionelle Beurteilung,
- sowie die Gesamtbeurteilung des Pferdes.
Ohne diesen Zusammenhang können selbst korrekt ermittelte Einzelwerte fehlerhaft interpretiert werden.
Das grundsätzliche Problem liegt darin, dass eine statische Momentaufnahme im Stand durch nachgelagerte Mittelwertbildung zusätzlich geglättet wird. Dadurch werden vorhandene Asymmetrien systematisch verfälscht.
Vollständiges Vermaß-Protokoll nach BVFR #
Das offizielle BVFR-Protokoll (von der FN anerkannt) erweitert die einfache Biegelineal-Methode durch:
- Längen- und Tiefenvermaßung der Oberlinie mit Lotpunkten.
- Zusätzliche Messpunkte: DF (Dornfortsatz) auf C und BU (Bauchumfang) auf D.
- Meine eigene Ergänzung: GL – Kopfeisenlinie, 5 cm hinter dem Schulterblatt.
Diese Messreihe ist die zentrale Grundlage, um Veränderungen am Pferd über die Zeit nachvollziehbar zu dokumentieren. Nur vollständige Protokolle mit Positionszuordnung, Foto- und Gesamtbefund sind für fundierte Beurteilungen oder Gutachten geeignet.
Anmerkungen zur Sattelposition #
Ein Dressursattel gehört hinter das Schulterblatt. Dies ist in der Fachliteratur seit Jahrzehnten beschrieben.
Die Positionen A und B des BVFR-Systems (Schulteransatzbereich) können zwar wichtige Hinweise auf:
- Verspannungen,
- Schiefstände,
- oder muskuläre Auffälligkeiten
geben, eignen sich jedoch nicht als tragende Auflagepositionen eines Sattels.
Entscheidend ist die Kopfeisenlinie (GL), die in der praktischen Sattelbeurteilung zunehmend an Bedeutung gewinnt.
In diesem Bereich wirken die Kopfeisen und Ortgänge der Sattelbäume unter Belastung des Reiters direkt auf das Pferd ein – insbesondere dann, wenn Gewicht über die Steigbügelhalterung aufgenommen wird.
Die GL dient daher der funktionellen Überprüfung dieses belasteten Bereichs.
Der erste tragende Auflagepunkt liegt nach dem BVFR-System erst in C, also gemittelt zwischen B und D.
Gerade im Bereich zwischen B und C bzw. D kann es jedoch – abhängig von den Proportionen und der individuellen Anatomie des Pferdes – dazu kommen, dass funktionell relevante Bereiche zu wenig beachtet werden.
Insbesondere im Bereich der Kopfeisenlinie (GL) finden sich in der Praxis häufig muskuläre Auffälligkeiten oder Atrophien, obwohl diese in vereinfachten Vermaßungen oder Mittelwertbildungen nicht ausreichend berücksichtigt werden.
Fotos aus der Praxis zeigen zudem häufig Fehler im Umgang mit vereinfachten Messsystemen:
Sättel werden teilweise fälschlich bereits auf der ersten Messsäule (A) positioniert, obwohl dieser Bereich frei bleiben sollte.
Auch fehlt im Tomax die Darstellung des Rippenverlaufs. Kompetente Stellen (z. B. Saddle Research Trust) weisen darauf hin:
- Der Sattelbaum darf nicht über die letzte Rippe hinausreichen.
- Sattelkissen können etwas länger sein, solange alle übrigen Punkte passen.
- Ein etwas längerer Sattel wird von manchen Pferden toleriert, bleibt aber kritisch zu prüfen.
Fazit #
Den größten Wert liefert die Vermessung und Dokumentation der Oberlinie mit Tiefenmaßen. Nur so lassen sich muskuläre Veränderungen, Schiefstände oder Verspannungen zuverlässig erkennen.
Biegelineale und Systeme wie das TOMAX können als ergänzende Hilfsmittel dienen, ersetzen aber nicht die fachgerechte Analyse in Bewegung und die vollständige Protokollierung nach BVFR mit GL-Erweiterung.
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