- Technische Feststellungen
- Fotodokumentation
- Herstelleranfrage
- Fachlicher Hinweis
- 1. Ausgangslage
- 2. Fehlende technische Konkretisierung
- 3. Herstelleranfrage ohne Rückmeldung
- 4. Bewertung aus fachlicher Sicht
- 5. Instruktionsmangel
- 6. Konsequenzen für die Praxis
- 7. Forderung nach Transparenz
- 8. Fazit
- 🔹 Haftungshinweis / Disclaimer
Vorgang 12756 / 30.10.2025
Technische Feststellungen #
Bei der Begutachtung wurde ein Pferd mit ausgeprägtem, hohem Widerrist vorgefunden.
Der eingesetzte Horse Star Dressursattel (ca. 17″, KS-Baum, kurzer Ortgang, Vergleich: orange S-Bar 94,0°) zeigte folgende Auffälligkeiten:
- Der Sattel kippt deutlich in den Trapezbereich und blockiert das aktive Schulterblatt.
- Das verwendete Kopfeisensystem (HS oder bauähnlich) konnte nicht eindeutig identifiziert werden.
- Die Ortgangenden sind technisch zu kurz, um das sich bewegende Schulterblatt ausreichend freizugeben. Dadurch wird der Bewegungsablauf der Schulter mechanisch eingeschränkt.
- Auffällig war zudem ein sehr harter Übergang im hinteren Kantenbereich der Sattelkissen – ein Hinweis auf eine aufgestellte Neopren- oder Schaumeinlage im hinteren Drittel, vermutlich mit dem Ziel, dass das Kissen seine stützende Kontur länger hält bzw. nicht so schnell nachgibt.
- Für die Reiter dieses Pferdes (Körpergrößen 186 cm und 192 cm) ist der 17″-Sattel zu klein. Dadurch verlagert sich der Reiterschwerpunkt zu weit nach hinten, was eine fehlerhafte Rückenbelastung des Pferdes zur Folge hat. Eine Sitzgröße von mindestens 18″ wäre hier erforderlich, um eine gleichmäßige Druckverteilung und eine korrekte Balance zu gewährleisten.
In diesem Zusammenhang verweise ich auf meine weiterführenden Informationen unter:
🔗 Was ist bei einem Sattel mit HS-Kopfeisen zu beachten?
Fotodokumentation #
Das Foto aus Vorgang 13500 / 14.11.2025 zeigt ebenfalls einen Horse Star Dressursattel.

Auffällig ist hier:
- Die Ortgänge mit dem Kopfeisen sind lang ausgeführt, nicht kurz wie im zuvor beschriebenen Modell.
- Das Material des Sattelbaums ist deutlich erkennbar nicht aus Carbon gefertigt.
- Die Ausführung der Ortgangenden hat nichts mit der aktuell beworbenen „FSHL – Free Shoulder System“-Technologie zu tun.
Damit zeigt sich eine historische Varianz in der Konstruktion von Horse Star-Sätteln, die von den Aussagen der aktuellen Werbekampagne auf der Hersteller-Homepage abweicht.
Diese Diskrepanz unterstreicht die Bedeutung einer verbindlichen Herstellerinformation zur Baum- und Systementwicklung.
Eine entsprechende Auskunft des Herstellers steht bislang – Stand 25.12.2025 – weiterhin aus.
Herstelleranfrage #
Zu meiner Anfrage vom 30. Oktober 2025 sowie der Erinnerung vom 12. November 2025 zur Veränderbarkeit der Sattelbäume liegt bislang keine Antwort des Herstellers Horse Star vor.
Fachlicher Hinweis #
Liegen keine technischen Herstellerangaben zur Bauweise oder Veränderbarkeit des Sattelbaums vor, kann keine verlässliche Einschätzung erfolgen.
In solchen Fällen ist von jeglichen Veränderungen am Sattel abzuraten, bis eine offizielle Stellungnahme oder Freigabe des Herstellers vorliegt.
Bleiben technische Angaben des Herstellers aus, liegt ein sogenannter Instruktionsmangel vor.
In diesem Fall ist eine Veränderung nicht zu verantworten, da die sicherheitsrelevanten Grenzen unbekannt sind.
Die Verantwortung für eine fehlende oder unzureichende Anleitung liegt hierbei beim Hersteller.
1. Ausgangslage #
Für die sachgerechte Beurteilung, Anpassung und Wartung eines Sattels sind präzise technische Daten des Sattelbaums unerlässlich.
Nur mit klaren Angaben zu Bauart, Material, zulässiger Verstellbarkeit und Wartung kann ein Fachbetrieb die Sicherheit und Funktion eines Sattels zuverlässig bewerten.
In Produktbeschreibungen des Herstellers Horse Star finden sich Aussagen wie:
- „Kammerweite individuell verstellbar“
- „Veränderbares Kopfeisensystem“
- „FSHL-Free Shoulder – stufenlos verstellbar“
- „Voll elastischer Carbon-Sattelbaum“
Diese Begriffe wirken technisch fortschrittlich, bleiben jedoch ohne konkrete Angaben zu Grenzen, Verfahren oder Prüfwerten unvollständig.
2. Fehlende technische Konkretisierung #
Nach aktuellem Kenntnisstand macht Horse Star keine präzisen Angaben:
- in welchem Umfang (Grad oder Millimeter) die Kammerweite verändert werden darf,
- wie häufig eine Verstellung zulässig ist,
- welches Verfahren (mechanisch, kalt oder warm) anzuwenden ist,
- und welche Auswirkungen eine Veränderung auf den Carbon-Sattelbaum hat.
Ebenso fehlen Hinweise zu Normprüfungen (z. B. BS 7875) oder zu einer Bruch- bzw. Belastungsprüfung der Carbon-Konstruktion.
Ohne diese Daten kann kein Fachbetrieb beurteilen, ob eine wiederholte Verstellung die Struktur des Baumes langfristig beeinträchtigt oder sicherheitsrelevant ist.
3. Herstelleranfrage ohne Rückmeldung #
Zur Klärung dieser Punkte wurde der Hersteller Horse Star mehrfach schriftlich kontaktiert.
Bis zum aktuellen Zeitpunkt liegt keine technische Antwort oder Stellungnahme vor.
Dieser Umstand erschwert die fachgerechte Beurteilung erheblich und verdeutlicht die Problematik fehlender Transparenz bei sicherheitsrelevanten Bauteilen.
Solange keine offiziellen Herstellerinformationen vorliegen, ist eine Veränderung des Sattels nicht verantwortbar.
4. Bewertung aus fachlicher Sicht #
Bezeichnungen wie „voll elastischer Carbon-Sattelbaum“ oder „stufenlos verstellbares Kopfeisen“ sind nicht normativ definiert.
Ohne technische Dokumentation bleibt unklar, ob
- das Material innerhalb zulässiger Spannungsgrenzen arbeitet,
- oder ob durch wiederholte mechanische Verstellung Materialermüdung oder Mikrorisse entstehen können.
Solange diese Punkte nicht durch den Hersteller eindeutig beschrieben und freigegeben sind,
ist eine Veränderung an solchen Sätteln nicht zu empfehlen.
5. Instruktionsmangel #
Fehlen Angaben zur Veränderbarkeit, Belastbarkeit oder zum zulässigen Arbeitsweg,
liegt nach deutschem Produkthaftungsrecht ein Instruktionsmangel vor.
Das bedeutet:
Ein Produkt gilt als fehlerhaft, wenn der Hersteller keine ausreichenden Informationen zur sicheren Nutzung bereitstellt.
Die Verantwortung für die entstehenden Risiken liegt beim Hersteller.
Fachliche Schlussfolgerung:
Ohne klare technische Angaben ist von eigenständigen Veränderungen an Horse Star-Sätteln abzuraten.
Fachbetriebe sollten dokumentieren, dass keine ausreichende Herstellerfreigabe vorliegt.
6. Konsequenzen für die Praxis #
- Veränderungen an Kammer oder Kopfeisen nur nach dokumentierter Herstellerfreigabe.
- Keine Kalt- oder Warmverstellung ohne Kenntnis des Materialaufbaus.
- Prüf- und Wartungsintervalle dokumentieren.
- Kunden aktiv auf die fehlende technische Transparenz hinweisen.
7. Forderung nach Transparenz #
Diese Situation verdeutlicht die Notwendigkeit einer standardisierten Dokumentation.
Ein Sattelpass, vergleichbar mit einem Service-Checkheft beim Auto, sollte enthalten:
- Baumtyp und Material
- zulässige Verstellbereiche
- durchgeführte Anpassungen
- Prüf- und Reparaturvermerke
Damit wären Sicherheit, Nachvollziehbarkeit und Produkthaftung künftig besser gewährleistet.
8. Fazit #
Die verfügbaren Herstellerangaben zu den Horse Star-Sätteln sind derzeit unzureichend, um die Veränderbarkeit ihrer Carbon-Sattelbäume sicher zu beurteilen.
Da auf eine technische Anfrage bislang keine Rückmeldung des Herstellers erfolgte,
kann keine verlässliche Einschätzung zu den Grenzen oder Verfahren einer Verstellung getroffen werden.
Das Bildmaterial belegt zudem, dass ältere Horse Star-Sättel von der derzeit beworbenen Bauweise deutlich abweichen – sowohl hinsichtlich der Ortganggeometrie als auch des Baum-Materials.
Solange keine offiziellen Herstellerinformationen zu Bauweise, Verstellverfahren und Belastungsgrenzen vorliegen,
besteht ein Instruktionsmangel.
Daher gilt aus fachlicher Sicht:
Keine eigenständigen Veränderungen am Sattelbaum oder Kopfeisensystem vornehmen, solange keine offizielle Freigabe des Herstellers vorliegt.
Die Verantwortung für klare technische Angaben liegt beim Hersteller selbst.
Stand: 25. Dezember 2025 – eine Rückmeldung des Herstellers liegt bis zu diesem Zeitpunkt nicht vor.
🔹 Haftungshinweis / Disclaimer #
Die in diesem Artikel enthaltenen Informationen beruhen auf dem aktuell verfügbaren Stand öffentlich zugänglicher Herstellerangaben sowie eigener technischer Bewertungen.
Alle Angaben wurden nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt.
Soweit Hersteller auf schriftliche Anfragen keine oder nur unvollständige technische Auskünfte erteilen, wird dies als sachliche Information dokumentiert – ohne wertende oder geschäftsschädigende Absicht.
Dieser Artikel stellt keine rechtliche oder wirtschaftliche Bewertung eines bestimmten Produkts oder Herstellers dar.
Er dient ausschließlich der fachlichen Information über technische Zusammenhänge, Sicherheitsaspekte und die Bedeutung vollständiger Herstellerinstruktionen im Sattelbau.
Für technische Änderungen, nachträgliche Herstellerinformationen oder abweichende Auslegungen wird keine Haftung übernommen.
Maßnahmen an sicherheitsrelevanten Bauteilen (z. B. Sattelbaum, Sturzfeder, Kopfeisen) dürfen ausschließlich nach Herstellerfreigabe und durch qualifizierte Fachbetriebe erfolgen.
