- Was sind die Ortgänge eines Sattelbaums?
- Was bedeutet Ortganglänge?
- Warum reicht die Kammerweite allein nicht aus?
- Warum ist der obere Radius zu berücksichtigen?
- Welche Aufgabe hat die Ortganglänge am Pferd?
- Was ist mit der tragenden Rückenlinie gemeint?
- Warum muss die benötigte Schenkellänge am Pferd ermittelt werden?
- Was passiert bei zu kurzen Ortgängen?
- Warum ersetzen flexible Points keine ausreichende Ortganglänge?
- Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Kammerweite, Winkelung und Ortganglänge?
- Welchen Vorteil hat die direkte Prüfung mit dem Kopfeisen am Pferd?
- Warum müssen Pferd und vorhandener Sattel getrennt geprüft werden?
- Warum können einfache Messsysteme diesen Bedarf übersehen?
- Kann die Ortganglänge allein im Stand beurteilt werden?
- Fazit
Bei der Beurteilung eines Sattelbaums wird häufig vor allem auf die Kammerweite oder die Winkelung geschaut. Beides ist wichtig, reicht für eine fachliche Beurteilung jedoch nicht aus.
Ebenso entscheidend ist die Frage, wie weit der stabile, formgebende Bereich des Sattelbaums seitlich nach unten reicht. Genau hier kommt die Ortganglänge ins Spiel.
Kurz erklärt: Die Kammerweite beschreibt, wie weit der Sattelbaum geöffnet ist. Die Ortganglänge beschreibt, wie tief seine stabile Konstruktion am Pferd tatsächlich reicht.
Was sind die Ortgänge eines Sattelbaums? #
Die Ortgänge sind die seitlich nach unten verlaufenden Bereiche des Sattelbaums im vorderen Sattelabschnitt. Sie geben diesem Bereich seine Form, führen den Sattel seitlich und bestimmen mit, wie tief die stabile Konstruktion am Pferd reicht.
Dabei muss zwischen dem stabilen, formgebenden Bereich und möglichen flexiblen Endstücken unterschieden werden. Flexible Enden können den Übergang zum Pferd weicher gestalten oder begrenzte Bewegungen zulassen. Sie ersetzen jedoch nicht automatisch einen ausreichend langen, stabilen Ortgang.
Weitere Informationen zur Einordnung flexibler Baumkonstruktionen finden Sie hier:
Was ist von flexiblen Bäumen zu halten?
Was bedeutet Ortganglänge? #
Mit der Ortganglänge ist nicht einfach die gesamte äußerlich sichtbare Länge eines Bauteils gemeint.
Entscheidend ist vielmehr die Länge des stabilen und statisch wirksamen Bereichs. Nur dieser Teil kann den Sattelbaum führen, seine Form vorgeben und die auftretenden Kräfte kontrolliert in die dafür geeigneten Bereiche weiterleiten.
Flexible Points oder weiche Endbereiche können diesen Übergang ergänzen. Sie dürfen jedoch nicht mit der technisch wirksamen Länge des stabilen Baumkörpers gleichgesetzt werden.
Warum reicht die Kammerweite allein nicht aus? #
Ein Sattelbaum kann von seiner Kammerweite her zunächst breit genug erscheinen und trotzdem zu kurze Ortgänge besitzen.
Wird eine Konstruktion bei gleichbleibender technischer Schenkellänge weiter geöffnet, verändern sich gleichzeitig ihre geometrischen Verhältnisse:
- Die Enden bewegen sich weiter nach außen.
- Die Winkelung wird offener.
- Die stabile Konstruktion reicht weniger weit nach unten.
Ein weiter geöffnetes Kopfeisen ist deshalb nicht automatisch für ein breiteres Pferd geeignet. Es kann zwar mehr seitliche Breite bieten, dabei aber an vertikaler Tiefe verlieren.
Warum ist der obere Radius zu berücksichtigen? #
Ein Sattelbaum beziehungsweise Kopfeisen bildet im oberen Bereich keinen mathematischen Kreuzungspunkt. Dort befindet sich ein Radius, der je nach Ausführung und Weite unterschiedlich stark in die Konstruktion hineinreicht.
Erst unterhalb dieses gerundeten Übergangs beginnt der Abschnitt, an dem eine tatsächliche Schenkelwinkelung beurteilt werden kann.
Deshalb ist es fachlich nicht ausreichend, die sichtbaren Linien gedanklich nach oben zu verlängern und daraus einen theoretischen Scheitelwinkel zu berechnen.
Je nach Kammerweite kann unterschiedlich viel Material im Radius gebunden sein, bevor die Konstruktion wieder in einen geraden Schenkel übergeht. Dadurch verschiebt sich auch der Bereich, an dem die wirksame Winkelung gemessen werden muss.
Welche Aufgabe hat die Ortganglänge am Pferd? #
Der vordere Bereich des Pferdes ist kein starrer Körper. Das Schulterblatt bewegt sich, die Muskulatur verändert ihre Form und der Rücken hebt oder senkt sich je nach Haltung, Bewegung und Aktivität.
Was mit einem aktiven Schulterblatt gemeint ist und warum sich dessen Lage und Bewegungsraum nicht allein am stehenden Pferd beurteilen lassen, erläutere ich ausführlicher in folgendem Beitrag:
Aktives Schulterblatt – was bedeutet dies?
Die stabilen Ortgänge müssen ausreichend lang sein, um:
- den beweglichen Bereich des Schulterblatts zu überbrücken,
- nicht bereits im aktiven muskulären Bereich zu enden,
- mit ihren stabilen Enden einen tragfähigen Bereich zu erreichen,
- den vorderen Sattelbaum kontrolliert zu führen und zu stabilisieren.
Die erforderliche Schenkellänge muss deshalb am jeweiligen Pferd betrachtet werden. Eine reine Aussage über Kammerweite oder Winkelung genügt hierfür nicht.
Was ist mit der tragenden Rückenlinie gemeint? #
Nicht jede sichtbare oder tastbare Kontur im Schulter- und Widerristbereich ist gleichermaßen dafür geeignet, einen stabilen Sattelbaum zu führen.
Im oberen Bereich liegen bewegliche und muskulär veränderliche Strukturen. Die stabile Konstruktion muss diese Bereiche so überbrücken, dass ihre Enden in einem Abschnitt zu liegen kommen, der den Sattel zuverlässig führen kann.
Die tragende Rückenlinie ist deshalb nicht einfach mit der äußeren Form des stehenden Pferdes gleichzusetzen. Sie muss im Zusammenhang mit:
- der Schulterblattbewegung,
- der Muskulatur,
- der Rumpfhaltung,
- der Rückenaktivität,
- und der tatsächlichen Konstruktion des Sattelbaums
beurteilt werden.
Warum muss die benötigte Schenkellänge am Pferd ermittelt werden? #
Die benötigte Schenkellänge zeigt, wie weit der stabile Bereich des Sattelbaums nach unten reichen muss, damit er die beweglichen Strukturen überbrückt und in den tragfähigen Bereich gelangt.
Hierzu reicht es nicht aus, lediglich eine Breite oder einen Winkel im oberen Bereich aufzunehmen.
Ein Pferd kann beispielsweise eine größere Breite benötigen, gleichzeitig aber auch eine längere stabile Ortgangstatik. Wird lediglich ein vorhandenes Kopfeisen weiter geöffnet, ohne dass sich die technische Länge verändert, kann der stabile Bereich trotz größerer Weite zu früh enden.
Wichtig: Breite und Länge müssen getrennt beurteilt werden. Ein Sattelbaum kann weit genug sein und trotzdem nicht tief genug reichen.
Was passiert bei zu kurzen Ortgängen? #
Sind die stabilen Ortgänge zu kurz, kann der Sattelbaum den tragfähigen Bereich des Pferdes möglicherweise nicht ausreichend erreichen.
Mögliche Folgen sind:
- fehlende seitliche Führung des Sattelbaums,
- Kippen oder Einsinken des Sattels nach vorne,
- Belastung im beweglichen Schulter- und Muskelbereich,
- eine scheinbar passende Kammerweite bei tatsächlich ungeeigneter Statik,
- Versuche, das Problem durch zusätzliche Polsterung oder Pads auszugleichen.
Eine zusätzliche Polsterung kann jedoch keine fehlende stabile Baumstruktur ersetzen.
Warum ersetzen flexible Points keine ausreichende Ortganglänge? #
Flexible Points können den Übergang zum Pferd weicher gestalten und begrenzte Bewegungen zulassen.
Sie übernehmen jedoch nicht automatisch dieselbe statische Aufgabe wie ein ausreichend langer, stabiler Ortgang. Entscheidend ist daher, an welcher Stelle der formgebende Baumkörper endet und der flexible Bereich beginnt.
Bei einer technischen Untersuchung muss deshalb getrennt festgestellt werden:
- Wie lang ist der gesamte sichtbare Point?
- Wie lang ist der tatsächlich stabile Baumabschnitt?
- Wo beginnt der flexible Endbereich?
- Erreicht der stabile Bereich am Pferd die tragfähige Zone?
Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Kammerweite, Winkelung und Ortganglänge? #
Kammerweite, Winkelung und Ortganglänge beeinflussen sich gegenseitig, dürfen aber nicht miteinander verwechselt werden.
- Kammerweite: beschreibt die Öffnung beziehungsweise Breite des vorderen Sattelbaums.
- Winkelung: beschreibt die Ausrichtung der geraden Schenkelbereiche.
- Ortganglänge: beschreibt, wie tief der stabile, formgebende Bereich reicht.
Erst das Zusammenspiel dieser drei Faktoren entscheidet darüber, ob die Konstruktion zum Gebäude des Pferdes passt.
Welchen Vorteil hat die direkte Prüfung mit dem Kopfeisen am Pferd? #
Wird direkt mit dem konkreten Kopfeisen am Pferd gearbeitet, lassen sich Winkelung, Weite und Schenkellänge gemeinsam beurteilen.
Damit wird nicht nur geprüft, ob das Kopfeisen im oberen Bereich breit genug erscheint. Ebenso kann kontrolliert werden, ob die stabilen Schenkel den beweglichen Schulterblattbereich überbrücken und mit ihren Enden tatsächlich bis in den tragfähigen Bereich des Pferdes reichen.
Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass unterschiedliche Pferdetypen unterschiedlich lange Kopfeisensysteme benötigen können. Ein kurzes System kann bei einem entsprechend gebauten Pony oder Cob geeignet sein, während bei einem Großpferd mit mittlerem oder hohem Widerrist häufig ein längeres, reguläres System erforderlich ist. Maßgeblich bleibt jedoch immer die Prüfung am einzelnen Pferd.
Weitere Informationen zur Vorauswahl unterschiedlicher Kopfeisensysteme finden Sie hier:
Wie kann ich schauen, welches Kopfeisen infrage kommt?
Dies ist ein wesentlicher Unterschied zu Messverfahren, die lediglich einzelne Breiten- oder Höhenwerte aufnehmen und daraus eine Kammerweite ableiten.
Ein weiter geöffnetes Kopfeisen kann trotz passender Breite ungeeignet sein, wenn seine stabilen Schenkel zu kurz sind. Die direkte Gegenprüfung am Pferd macht diesen Unterschied unmittelbar sichtbar.
Praxisvorteil: Die direkte Prüfung mit dem Kopfeisen zeigt nicht nur, wie weit die Konstruktion geöffnet ist, sondern auch, ob die Länge und Winkelung ihrer stabilen Schenkel für den jeweiligen Pferdetyp tatsächlich ausreichen.
Warum müssen Pferd und vorhandener Sattel getrennt geprüft werden? #
Bei einer fachlichen Kontrolle müssen zwei unterschiedliche Fragen beantwortet werden:
- Welche Weite, Winkelung und stabile Schenkellänge benötigt das Pferd?
- Welche Weite, Winkelung und Ortganglänge sind im vorhandenen Sattel tatsächlich eingestellt?
Die direkte Prüfung mit einem Kopfeisen am Pferd zeigt zunächst, welche Konstruktion das Pferd benötigt. Daraus folgt jedoch noch nicht, dass der vorhandene Sattel diese Maße und statischen Eigenschaften tatsächlich besitzt.
Gerade bei fest eingebauten oder durch die Sattelkissen verdeckten Kopfeisen und Ortgängen lässt sich von außen häufig nicht sicher erkennen:
- welche Kammerweite tatsächlich eingestellt ist,
- in welchem Winkel die Ortgänge verlaufen,
- wie lang der stabile Ortgangbereich ist,
- wo flexible oder instabile Endbereiche beginnen,
- ob rechte und linke Seite symmetrisch aufgebaut sind.
Ein äußerlich passend wirkender Sattel kann deshalb im Inneren eine andere Weite, Winkelung oder Ortgangstatik besitzen als zunächst angenommen. Umgekehrt kann ein vorgehaltenes Kopfeisen unpassend erscheinen, obwohl der tatsächliche Verlauf innerhalb des geöffneten Sattels anders ist.
Weitere Beispiele und Hintergründe hierzu finden Sie in folgendem Beitrag:
Von außen die derzeitige Kammerweite im Sattel erkennen
Entscheidend: Die Messung am Pferd zeigt, was benötigt wird. Die technische Untersuchung des Sattels zeigt, was tatsächlich vorhanden ist. Erst der Vergleich beider Ergebnisse erlaubt eine belastbare Beurteilung.
Warum können einfache Messsysteme diesen Bedarf übersehen? #
Ein Messverfahren, das lediglich Breiten und Höhen in festgelegten oberen Bereichen erfasst, kann nicht automatisch feststellen, ob ein Pferd längere, tiefer reichende Ortgänge benötigt.
Wird nur ermittelt, wie breit oder offen eine Kontur ist, bleibt möglicherweise unberücksichtigt, ob der stabile Bereich des Sattelbaums den tragfähigen Abschnitt des Pferdes überhaupt erreicht.
Eine tabellarisch passende Kammerweite sagt daher noch nicht aus, dass auch die technische Ortganglänge geeignet ist.
Kann die Ortganglänge allein im Stand beurteilt werden? #
Die Maßaufnahme am stehenden Pferd kann wichtige Hinweise liefern. Sie bleibt jedoch zunächst eine statische Momentaufnahme.
Die tatsächliche Funktion muss zusätzlich am konkreten Sattel überprüft werden:
- in seiner vorgesehenen Lage,
- unter Reiterbelastung,
- bei aktiver Rücken- und Rumpfmuskulatur,
- und in der Bewegung.
Erst dadurch lässt sich beurteilen, ob die stabile Konstruktion den Schulterbereich tatsächlich überbrückt und der Sattel in der vorgesehenen Position geführt wird.
Fazit #
Eine passende Kammerweite allein garantiert noch keinen passenden Sattelbaum. Auch eine scheinbar geeignete Winkelung reicht nicht aus, wenn die stabilen Ortgangbereiche zu kurz sind.
Die Ortgänge müssen den beweglichen Schulterblattbereich überbrücken und mit ihrem formgebenden, stabilen Bereich eine tragfähige Zone am Pferd erreichen.
Je weiter eine Konstruktion bei gleichbleibender technischer Länge geöffnet wird, desto weniger tief reicht sie nach unten. Gerade bei breiteren Pferden muss deshalb geprüft werden, ob nicht nur mehr Weite, sondern auch eine längere stabile Ortgangstatik erforderlich ist.
Die direkte Prüfung mit dem konkreten Kopfeisen am Pferd ermöglicht es, Weite, Winkelung und stabile Schenkellänge gemeinsam zu kontrollieren. Dadurch lässt sich wesentlich sicherer erkennen, ob die Konstruktion den beweglichen Schulterbereich überbrückt und mit ihren stabilen Enden tatsächlich in den tragfähigen Bereich gelangt.
Merksatz: Kammerweite beschreibt die Öffnung. Ortganglänge beschreibt die Tiefe der stabilen Konstruktion. Erst beides zusammen entscheidet, ob der Sattelbaum den beweglichen Schulterbereich überbrückt und in einer tragfähigen Zone geführt wird.
