Systematische Vermessung und Dokumentation der Sattellage
Die Sattellage wird häufig vereinfacht betrachtet.
In der Praxis wirken jedoch mehrere Einflussgrößen gleichzeitig:
- Form des Pferdes
- Muskulatur und Spannungszustand
- Bewegungsverhalten
- Nutzung und Belastung
Eine isolierte Betrachtung einzelner Punkte führt daher zu falschen oder unvollständigen Einschätzungen.
Grundlage für das Verständnis der Sattellage ist zudem, dass das Schulterblatt des Pferdes kein starrer Bezugspunkt ist, sondern sich unter Belastung aktiv bewegt.
👉 Weiterführende Erläuterungen hierzu finden Sie unter: Aktives Schulterblatt – was bedeutet dies?
Diese dynamische Situation hat unmittelbaren Einfluss auf die Beurteilung der Sattellage und insbesondere auf den Bereich des Kopfeisens.
Die Vermessung dient dabei der Erfassung des Ist-Zustandes und der reproduzierbaren Dokumentation.
Sie stellt jedoch keine abschließende Bewertung der Sattelpassform dar.
Eine fachgerechte Beurteilung entsteht erst durch die Zusammenführung von Messdaten, Formverlauf und funktioneller Beobachtung unter Bewegung.
Fehlende Normierung von Maßangaben
Auch bei grundlegenden Maßangaben wie der Sitzgröße existiert keine allgemein verbindliche Norm oder einheitliche Messvorschrift.
Maßangaben sind daher stets einzuordnen und können für sich allein keine verlässliche Grundlage für die Beurteilung der Passform darstellen.
Weiterführende Erläuterungen:
Wie wird eine Sattelgröße gemessen?
Das eingesetzte Mess- und Dokumentationssystem
Die Erfassung erfolgt systematisch und kombiniert mehrere Ebenen:
📍 BVFR-Messsystem – Positionsbestimmung
Das Messsystem des BVFR dient als Koordinatensystem zur eindeutigen Zuordnung von Messpunkten.
Es kommt insbesondere dann zum Einsatz, wenn eine vollständige und reproduzierbare Dokumentation, beispielsweise im Zusammenhang mit einem Sattelverkauf oder einer späteren Nachvollziehbarkeit, erforderlich ist.
👉 Im regulären Ablauf eines Sattelchecks liegt der Schwerpunkt hingegen auf der funktionell relevanten Positionsbestimmung, insbesondere im Bereich der Position B sowie der daraus abgeleiteten GL-Linie.
Dadurch können Auffälligkeiten exakt lokalisiert und reproduzierbar dokumentiert werden.
⚠️ Wichtiger Hinweis zur Anwendung:
Die alleinige Übertragung von Messwerten in die zugehörige Matrix stellt keine vollständige Beurteilung der Sattellage dar.
Die Dokumente
bilden lediglich die strukturierte Grundlage zur Erfassung und Darstellung von Messdaten.
Eine fachgerechte Bewertung erfordert darüber hinaus zwingend:
- die Einordnung der Messpunkte im Gesamtverlauf der Sattellage
- die Berücksichtigung von Formveränderungen zwischen den Messpositionen (z. B. GL14 / GL21)
- die Beurteilung unter Bewegung (dynamische Veränderungen im Schulterbereich)
- die Verknüpfung mit der tatsächlichen Funktion des Sattels auf dem Pferd
👉 Ohne diese Zusammenführung bleibt die Matrix eine reine Datensammlung ohne belastbare Aussage zur Passform oder Funktion.
Die vollständige Anwendung des BVFR-Systems stellt dabei eine Erweiterung der Dokumentation dar, ersetzt jedoch nicht die funktionelle Beurteilung der Sattellage.
Im praktischen Ablauf eines Sattelchecks liegt der Schwerpunkt auf der funktionell relevanten Erfassung im Bereich der Position B sowie der daraus abgeleiteten GL-Linie.
👉 Weiterführende Erläuterungen hierzu finden Sie unter:
Was ist gemeint mit: aktuelle Aufzeichnungen/Vermaßungen B-Linie und GL-Linie im Stand
Diese bildet die Grundlage für die Beurteilung des Bereichs hinter dem Schulterblatt und stellt die zentrale Verbindung zwischen statischer Erfassung und funktioneller Bewertung dar.
📐 Kurvenlineal – Erfassung des Formverlaufs
Mit Hilfe eines Kurvenlineals wird der Formverlauf des Pferdes an definierten Positionen aufgenommen.
Die Abformungen dokumentieren den Formverlauf des Pferdes im Stand und stellen eine Momentaufnahme dar.
Die Einordnung erfolgt ausschließlich im Zusammenhang mit dem vollständigen Vermaß-Protokoll.
✏️ Abzeichnung am Pferd – reale Lage
Die Abzeichnung der Sattellage stellt sicher, dass Messpunkte und Formverläufe eindeutig zugeordnet werden können.
Sie bildet die Grundlage für eine reproduzierbare Dokumentation und ermöglicht den Vergleich von Veränderungen im Zeitverlauf.
Einordnung der Messergebnisse:
Die Vermessung der Sattellage dient der strukturierten Beschreibung und Dokumentation der Form im Bereich der vorderen Sattelauflage.
Die ermittelten Werte stellen eine Momentaufnahme im Stand dar. Sie bilden die Grundlage für die weitere Beurteilung, ersetzen diese jedoch nicht.
Eine fachgerechte Bewertung entsteht erst durch die Zusammenführung von Messdaten, Formverlauf und funktioneller Beobachtung unter Bewegung.
Weiterführende Einordnung:
Fachgrundlagen zur funktionalen Sattelprüfung
📍 Funktionelle Überprüfung unter Bewegung
Die Beurteilung der Sattellage kann nicht ausschließlich im Stand erfolgen.
Durch das gezielte Anheben und Vorführen der Vordergliedmaße wird die Bewegung des Schulterblattes simuliert.
Dabei wird sichtbar:
- wie sich der Raum im Bereich des Kopfeisens verändert
- wie sich Muskulatur und Sattelbereich zueinander verhalten
- ob funktionelle Einschränkungen auftreten
👉 Diese Beobachtung ist entscheidend für die Beurteilung der tatsächlichen Nutzungssituation.
📍 Beurteilung der Muskulatur
Die Betrachtung der Muskulatur erfolgt beschreibend und dokumentierend.
Sie dient der Einordnung des aktuellen Zustandes im Zusammenhang mit:
- Belastung
- Nutzung
- Trainingszustand
Eine Bewertung erfolgt ausschließlich im Gesamtzusammenhang aller erhobenen Daten.
💪 Muskulatur – Zustandsbeschreibung
Die Muskulatur wird je Messpunkt beschrieben, beispielsweise als:
- unauffällig
- schwach ausgeprägt
- deutlich schwach ausgeprägt
- ungleich ausgeprägt
Es erfolgt dabei bewusst keine medizinische Diagnose, sondern eine rein beschreibende Einordnung.
📸 Fotodokumentation – Nachvollziehbarkeit
Die Dokumentation wird durch Fotografien ergänzt:
- Pferd mit Anzeichnung
- Trapezbereich (B–GL–C)
- relevante Detailbereiche
Dies dient der späteren Nachvollziehbarkeit und Beweissicherung.
Das Erfassungsblatt im Überblick
Das verwendete A3-Erfassungsblatt dient als Grundlage für die strukturierte Datenerhebung vor Ort.
Es verbindet:
- Zustand (Muskulatur)
- Positionsbestimmung (BVFR)
- Formverlauf (Abformung)
- Lage (Abzeichnung)
- Reaktion (Stabilitätstest)

Weiterführende Datengrundlage
Eine anonymisierte Übersicht realer Messwerte finden Sie hier:
Datenerfassung GL (PDF)
Weiterführende Beobachtungen aus der Praxis finden Sie hier:
Gesammelte Erkenntnisse (PDF)
Wichtiger Hinweis zur Einordnung
Eine fachliche Bewertung erfolgt nicht während der Datenerhebung vor Ort.
Die Einordnung erfolgt ausschließlich im Anschluss und berücksichtigt:
- alle erhobenen Daten
- deren Zusammenhänge
- die Nutzungssituation
📍 Einordnung der Messergebnisse
Die erhobenen Messdaten bilden die Grundlage für eine strukturierte Dokumentation.
Die Beurteilung der Sattellage erfolgt jedoch nicht isoliert auf Basis einzelner Messwerte.
Entscheidend ist die Zusammenführung von:
- Messdaten (Position und Form)
- Verlauf innerhalb der Sattellage
- funktioneller Beobachtung unter Bewegung
- tatsächlicher Nutzung des Sattels
👉 Erst diese Gesamtschau ermöglicht eine fachlich belastbare Aussage zur Passform und Funktion.
Abgrenzung zu vereinfachten Beurteilungen
Eine isolierte Betrachtung einzelner Messwerte oder Abformungen ist nicht ausreichend.
Erst das Zusammenspiel aller erhobenen Daten ermöglicht eine fachgerechte Beurteilung der Sattellage.
Einordnung im Vergleich zu herstellerseitigen Angaben
Die in dieser Methodik verwendete GL-Linie beschreibt keinen neuen Bereich der Sattellage, sondern systematisiert einen seit langem bekannten Funktionsbereich hinter dem Schulterblatt.
In Herstellerunterlagen wird dieser Bereich häufig vereinfacht durch Angaben wie „2–3 Finger hinter dem Schulterblatt“ beschrieben. Diese Darstellungen dienen der groben Orientierung, sind jedoch nicht reproduzierbar.
Die hier dargestellte Vorgehensweise überführt diesen bekannten Bereich in ein systematisches und dokumentierbares Koordinatensystem.
Die Lage des Bereichs selbst ist dabei nicht neu – neu ist ausschließlich die strukturierte Erfassung und nachvollziehbare Dokumentation.
Wird ein solcher Zusammenhang im Einzelfall nicht erkannt oder eingeordnet, betrifft dies nicht die fachliche Existenz dieses Bereichs, sondern dessen individuelle Bewertung.
📍 Fazit
Die systematische Vermessung schafft eine nachvollziehbare und reproduzierbare Datengrundlage.
Sie bildet die Grundlage für die Dokumentation und Einordnung der Sattellage, stellt jedoch keine eigenständige Beurteilung der Passform dar.
👉 Eine fachlich belastbare Bewertung entsteht ausschließlich durch die Verbindung von Messung, Formverlauf und funktioneller Beurteilung unter Bewegung im Nutzungssystem Pferd–Reiter–Sattel.
