Typische Fehlnutzungen am Sattel und ihre Folgen

In der Praxis kommt es immer wieder vor, dass vorhandene Bauteile oder Ausrüstung am Sattel für Zwecke genutzt werden, für die sie konstruktiv nicht vorgesehen sind.

Diese Fehlanwendungen entstehen häufig daraus, dass das äußere Erscheinungsbild der Bauteile eine höhere Belastbarkeit vermuten lässt, als tatsächlich gegeben ist.

Entscheidend ist dabei:
Konstruktion und tatsächliche Nutzung müssen übereinstimmen.

Wird ein Bauteil anders genutzt als vorgesehen, entstehen:

  • ungünstige Krafteinleitungen
  • punktuelle Belastungen
  • erhöhter Verschleiß
  • mögliche Schäden am Sattel

Typische Beispiele aus der Praxis

Vorderzeugfallring als Haltepunkt
Nutzung als Halterung für Hilfsriemen oder zum Festhalten durch den Reiter.

Hierunter fällt auch der Einsatz von Halteriemen (Anfassriemen), die am Vorderzeugfallring befestigt werden.

In der Praxis werden diese genutzt, um Unsicherheiten im Gleichgewicht oder in der Einwirkung zu kompensieren.

Der Vorderzeugfallring ist jedoch konstruktiv nicht für Zugbelastungen durch den Reiter ausgelegt.

Durch das Festhalten an einem dort befestigten Riemen verändern sich Krafteinleitung, Materialbelastung sowie die Körperhaltung des Reiters. Schwerpunkt, Bewegungsablauf und Einwirkung werden beeinflusst.

Eine stabile Sitzposition entsteht nicht durch Festhalten, sondern durch Balance im System aus Pferd, Sattel und Reiter.

Keine Griffe oder Halteriemen als Ersatz für reiterliche Stabilität

Ein Sattel kann fehlende Balance, fehlende Eigenstabilität oder koordinative Einschränkungen des Reiters nicht ausgleichen. Dies gilt unabhängig davon, ob es sich um Kinder, unsichere Reiter, therapeutische Nutzung, geführtes Reiten oder wechselnde Reiter handelt.

Aus diesem Grund biete ich an Sätteln keine Griffe, Halteriemen oder vergleichbare Festhaltevorrichtungen als zusätzliche Sicherung an.

Solche Bauteile können bei Reitern, Eltern oder Betreuungspersonen eine falsche Erwartung erzeugen: nämlich den Eindruck, der Sattel könne fehlende reiterliche Voraussetzungen kompensieren oder eine zusätzliche Sicherheitsfunktion übernehmen.

Das ist fachlich nicht vertretbar.

Ein Sattel dient der passenden Lastverteilung, der funktionellen Verbindung zwischen Pferd und Reiter und der fachgerechten Einwirkung. Er ist jedoch kein Halte-, Sicherungs- oder Stabilisierungssystem für den Reiter.

Die Voraussetzung bleibt daher immer: Der Reiter muss sein Gleichgewicht eigenständig, kontrolliert und ausreichend stabil halten können. Ist dies nicht gegeben, muss die Reitsituation grundsätzlich überprüft werden – nicht der Sattel mit zusätzlichen Haltemöglichkeiten ergänzt werden.

Wichtig:
Der Vorderzeugfallring ist ebenfalls kein geeigneter Befestigungspunkt für sicherheitsrelevante Systeme. Dies betrifft insbesondere die Verbindungssysteme von Airbagwesten.

Eine Befestigung der Auslöseschnur an diesem Punkt kann zu Fehlfunktionen führen, da Position, Belastungsrichtung und Stabilität nicht den Anforderungen des Systems entsprechen.

Wie bei allen technischen Systemen gilt: Die Funktionssicherheit hängt maßgeblich von der vorgesehenen Befestigung und Anwendung ab.

Blick hinter die Kulissen eines Vorderzeugfallrings

Von außen wirken solche Befestigungspunkte häufig massiv und belastbar. Der Blick unter die Lederverkleidung zeigt jedoch, dass es sich konstruktiv oftmals lediglich um vergleichsweise einfache Leder-, Niet- oder Laschenkonstruktionen handelt.

Gerade deshalb eignen sich solche Bauteile nicht automatisch als sicherheitsrelevante Befestigungspunkte für zusätzliche Systeme oder hohe dynamische Belastungen.

Derartige Konstruktionen werden in der Praxis dennoch häufig zweckentfremdet – beispielsweise für:

  • Halteriemen
  • Griffe
  • Airbag-Auslösesysteme
  • zusätzliche Sicherungs- oder Verbindungssysteme

Die tatsächliche Konstruktion erklärt jedoch auch dem Laien schnell, warum solche Bauteile konstruktiv nicht dafür vorgesehen sind, erhebliche Zug- oder Stoßbelastungen dauerhaft und sicher aufzunehmen.

Ein äußerlich vorhandener Ring oder Befestigungspunkt bedeutet daher nicht automatisch, dass dieser auch als sicherheitsrelevante Aufnahme genutzt werden darf oder hierfür geprüft wurde.

Weitere Zusammenhänge zu fehlenden oder unzureichenden Herstellerangaben und deren Auswirkungen in der Praxis finden Sie unter:
Fehlende Herstellerangaben und Instruktionsmangel im Sattelbau

Weitere Informationen hierzu finden Sie unter: Werden Bauteile am Sattel immer entsprechend ihrer Konstruktion verwendet?

Steigbügelriemen unter dem Sattelblatt
Veränderte Führung mit erhöhter Reibung und Belastung des Materials.
Weitere Informationen hierzu finden Sie unter: Steigbügelriemen unter dem Sattelblatt

Beschädigungen durch Klettbänder
Abrieb und Materialschäden durch ungeeignete Positionierung.
Weitere Informationen hierzu finden Sie unter: Achtung: Beschädigungen am Sattel durch Klettbänder

Fehlnutzung durch vermischte Kopfeisensysteme

Ein weiteres Beispiel für eine typische Fehlnutzung ist die Vermischung unterschiedlicher Kopfeisensysteme innerhalb ähnlich aufgebauter Sattelprogramme.

Im Programm der Saddlery Brands International – zu dem unter anderem die Marken Wintec, Bates und Arena gehören – existieren unterschiedliche Sattelbaumkonzepte mit jeweils eigenem Kopfeisensystem, unter anderem das Easy-Change-Gullet-System Medium und das Easy-Change-Gullet-System Wide.

Problematisch ist, dass die Bauformen der Kopfeisen optisch und mechanisch sehr ähnlich erscheinen können. Dadurch ist eine Fehlnutzung nicht ausgeschlossen: Ein Kopfeisen aus dem einen System kann unter Umständen in einen Sattelbaum aus dem anderen System eingesetzt werden.

Mechanisch passend bedeutet nicht funktional korrekt

Die Tatsache, dass ein Kopfeisen mechanisch in den Sattel passt, ist kein Nachweis für eine korrekte Funktion.

Das Kopfeisen ist kein isoliertes Bauteil. Es gehört immer zu einem bestimmten Sattelbaum, einer bestimmten Geometrie und einem darauf abgestimmten System.

Wird ein systemfremdes Kopfeisen eingesetzt, kann der Sattelbaum in eine Form gezwungen werden, für die er konstruktiv nicht vorgesehen ist. Es kann zu einem Verzug im Sattelbaum kommen.

Dieser Verzug betrifft nicht nur die Kammerweite vorne, sondern auch den Schwung des Sattelbaums und damit die gesamte Auflage unter Belastung.

Dieses Grundprinzip ist hier näher beschrieben:
Wie weit wirkt sich eine Kammerveränderung auf den Schwung des Sattelbaums aus?

Folgen in der Praxis

Durch eine solche Fehlnutzung kann der Sattel vorne scheinbar passend wirken, während der Baum im Gesamtverlauf nicht mehr korrekt arbeitet.

Mögliche Folgen sind:

  • Veränderung des Schwungs im Sattelbaum
  • instabiles oder falsches Tragbild
  • punktuelle Druckbelastungen
  • Fehlinterpretation der tatsächlichen Passform
  • Probleme, die sich nicht mehr sinnvoll über eine reine Polsterkorrektur lösen lassen

Der häufigste Denkfehler besteht darin, nur auf die Kammerweite zu achten. Entscheidend ist jedoch der gesamte Zusammenhang aus Kopfeisen, Baumgeometrie, Winkelstellung, Schwung und Funktion unter Bewegung.

Einordnung: Dieses Problem ist nicht auf einzelne Modelle oder Hersteller beschränkt. Ähnliche Fehlanwendungen können überall dort entstehen, wo unterschiedliche Sattelbaumkonzepte mit optisch vergleichbaren oder mechanisch kompatibel wirkenden Kopfeisensystemen kombiniert werden.

Grundsatz: Ein Kopfeisen darf nicht allein danach beurteilt werden, ob es mechanisch eingesetzt werden kann. Entscheidend ist, ob es zum vorgesehenen Sattelbaumkonzept gehört und unter Belastung funktional korrekt arbeitet.

Systembezogene Fehlanwendung

Beurteilung des Sattels ohne Reiter
Ein Sattel ist konstruktiv für die Nutzung im System aus Pferd, Sattel und Reiter ausgelegt.

Wird der Sattel ohne Reiter beurteilt, liegt keine vollständige Belastungssituation vor.

Dies betrifft insbesondere:

  • Longieren mit aufgesatteltem Pferd ohne Reiter
  • Versuch, das Reitergewicht durch andere Einflüsse zu ersetzen

Durch die fehlende Belastung verändern sich:

  • Auflageverhältnisse
  • Schwerpunktlage
  • Krafteinleitung über den Gurt

Die hierbei entstehende Lage des Sattels entspricht nicht der realen Nutzung.

Die daraus gewonnenen Beobachtungen sind nicht geeignet, um eine fachgerechte Beurteilung der Sattelpassform vorzunehmen.

Diese Vorgehensweise stellt keine geeignete Prüfmethode dar, sondern ist als Fehlanwendung des Systems einzuordnen.

Ein praktisches Beispiel hierzu finden Sie unter:
Der Sattel wippt beim Traben – Beurteilung an der Longe

Ursachen in der praktischen Anwendung

In der Praxis zeigt sich, dass viele Entscheidungen im Reitsport nicht auf einer funktionalen Einordnung, sondern auf Beobachtungen und übernommenen Gewohnheiten beruhen.

Produkte oder Ausstattungsdetails werden übernommen, ohne dass deren tatsächliche Wirkung im System hinterfragt wird.

Fehlanwendung von Sattelunterlagen

Eine häufige Form der Fehlnutzung besteht im Einsatz von Sattelunterlagen zur vermeintlichen Korrektur von Passformproblemen.

Zusätzliche Polsterungen, Fellunterlagen oder ungeeignete Schabracken werden eingesetzt, um Druckverhältnisse zu verändern oder die Lage des Sattels zu beeinflussen.

Hierbei wird häufig übersehen, dass Sattelunterlagen selbst Bestandteil des Systems sind und unmittelbar auf die Passform und Funktion des Sattels einwirken.

Eine ungeeignete Unterlage kann zu Druckverlagerungen, einer Veränderung der Sattellage sowie zu funktionellen Einschränkungen führen.

Darüber hinaus können ungeeignete Materialien die Thermoregulation im Bereich der Sattellage beeinträchtigen. Insbesondere bei dichten, schlecht belüfteten oder stark polsternden Unterlagen kann es zu einem Hitzestau kommen, der sich ungünstig auf Muskulatur und Gewebe auswirken kann.

Die Verwendung solcher Unterlagen ersetzt keine fachgerechte Anpassung des Sattels, sondern kann bestehende Probleme verstärken oder überlagern.

Weitere Informationen hierzu finden Sie unter:
Sattelunterlagen – was ist zu beachten?

Ähnliche Zusammenhänge zeigen sich auch bei anderen Ausrüstungsgegenständen im Reitsport, bei denen Materialeigenschaften und Beschichtungen die Funktion im System beeinflussen.

Ein vergleichbares Beispiel finden Sie hier:
Welche Reithosen empfehlen Sie?

Grundsatz

Bauteile und Ausrüstung am Sattel sind stets entsprechend ihrer konstruktiven Auslegung zu verwenden.

Dies gilt sowohl für einzelne Bauteile als auch für das Gesamtsystem aus Pferd, Sattel und Reiter.

Eine abweichende Nutzung kann zu Schäden führen und entspricht nicht der vorgesehenen Funktion.

Für Anwendungen mit erhöhter Belastung sind geeignete und dafür vorgesehene Lösungen erforderlich.

Technische Hintergründe

Weiterführende technische Zusammenhänge finden Sie hier:
Technische Ursachen von Schäden am Sattel

Einordnung aus fachübergreifender Sicht

Die beschriebenen technischen und funktionalen Zusammenhänge wirken sich nicht isoliert auf das Sattelsystem aus, sondern betreffen immer auch das darunterliegende Gewebe sowie den Bewegungsablauf des Pferdes.

Eine weiterführende Beurteilung dieser Zusammenhänge erfordert eine fachübergreifende Betrachtung, insbesondere aus tierärztlicher und biomechanischer Sicht.

Ich selbst beschränke meine Tätigkeit bewusst auf die funktionale und technische Beurteilung des Sattelsystems. Für eine vertiefte Bewertung der Auswirkungen auf Muskulatur, Gewebe und Bewegung sind entsprechend qualifizierte Fachpersonen einzubeziehen.

Fazit

Fehlnutzungen am Sattel entstehen in der Praxis häufig nicht durch unsachgemäßen Umgang, sondern durch fehlende Einordnung der Funktion einzelner Bauteile und des Gesamtsystems.

Werden Bauteile oder Zubehör außerhalb ihrer konstruktiven Aufgabe verwendet, kann dies die Passform, die Funktion sowie die Belastungssituation im System Pferd–Sattel nachhaltig verändern.

Gleiches gilt für die Beurteilung des Sattels außerhalb seiner vorgesehenen Nutzungssituation.

Eine sachgerechte Nutzung setzt daher voraus, dass sowohl die konstruktive Auslegung als auch die systemische Wirkung verstanden und berücksichtigt werden.

Die dargestellten Beispiele zeigen, dass viele Probleme nicht durch das Bauteil selbst entstehen, sondern durch dessen falsche Anwendung im jeweiligen Kontext.

Eine fachliche Einordnung und Bewertung ist daher in jedem Einzelfall erforderlich.