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Einen Sattel für mehrere Pferde nutzen – sinnvoll oder nicht?

Nein. Jedes gerittene Pferd benötigt einen Sattel, der zu seinem individuellen Körperbau, seinem aktuellen Entwicklungsstand und dem jeweiligen Reiter passt.

Trotzdem kommt es insbesondere in Zucht-, Verkaufs-, Ausbildungs- und Berittbetrieben vor, dass ein einziger Sattel nacheinander für zahlreiche Pferde verwendet wird. Teilweise werden damit 30 oder mehr Pferde geritten, ohne die Unterschiede hinsichtlich Rückenform, Widerrist, Schulterbewegung, Auflagelänge, Kopfeisenwinkelung und Gurtlage ausreichend zu berücksichtigen.

Ein Sattel wird jedoch nicht allein dadurch passend, dass er sich auflegen und angurten lässt oder während einer kurzen Verkaufsvorstellung nicht sichtbar verrutscht.

Wenn Wirtschaftlichkeit vor Individualität steht #

Gerade bei jungen Pferden besteht häufig das wirtschaftliche Ziel, sie mit möglichst geringem Aufwand anzureiten, weiter auszubilden und schließlich verkaufsfertig vorzustellen. Ein individuell geeigneter Sattel für jedes Pferd verursacht zusätzliche Kosten und organisatorischen Aufwand.

Diese wirtschaftlichen Überlegungen dürfen jedoch nicht zulasten des Pferdes gehen. Ein ungeeigneter Sattel kann die Schulterbewegung einschränken, punktuelle Belastungen erzeugen und die Ausbildung einer gleichmäßigen, tragfähigen Muskulatur behindern. Werden solche Belastungen über längere Zeit fortgesetzt, können unter anderem Verhärtungen, Kuhlen, asymmetrische Muskelbilder, Schulterschiefstände und Abwehrreaktionen entstehen.

Solche Befunde besitzen allerdings keine eindeutige „Unterschrift“. Sie beweisen für sich allein weder einen bestimmten Verursacher noch eine einzelne Ursache. Sie müssen immer im Zusammenhang mit Sattel, Reiter, Trainingsweise, Haltung, Hufbearbeitung und gesundheitlichem Zustand betrachtet werden.

Wenn Hersteller den Wunsch nach einer Universallösung bedienen #

Begünstigt wird diese Arbeitsweise durch Sattelhersteller, die offen damit werben, ein bestimmtes Sattelsystem könne für zahlreiche unterschiedlich gebaute Pferde verwendet werden. Flexible Sattelbäume, austauschbare Kopfeisen, veränderbare Polsterungen oder besondere Unterlagen werden dabei teilweise so dargestellt, als ließe sich ein Sattel ohne größeren Aufwand von einem Pferd auf das nächste übertragen.

Damit sprechen solche Angebote gezielt den Wunsch von Zucht-, Verkaufs-, Ausbildungs- und Berittbetrieben an, mit möglichst wenigen Sätteln einen großen Pferdebestand abzudecken. Für den Betrieb erscheint dies wirtschaftlich attraktiv: weniger Anschaffungskosten, weniger Sattelkontrollen und eine einfachere Organisation.

Die grundsätzliche Veränderbarkeit eines Sattels ist zwar sinnvoll. Sie bedeutet jedoch nicht, dass dieser Sattel automatisch zu mehreren Pferden passt. Ein anderes Kopfeisen allein gleicht weder Unterschiede in der Auflagelänge noch im Schwung des Rückens, in der Ortganglänge, der Kissenform, dem Schwerpunkt oder der Strupfenführung aus. Zudem müsste jede Veränderung fachgerecht vorgenommen und anschließend am jeweiligen Pferd unter Reiterbelastung kontrolliert werden.

Eine technische Verstellmöglichkeit ist daher keine Berechtigung, denselben Sattel ungeprüft für zahlreiche Pferde einzusetzen. Wird mit einer solchen universellen Verwendbarkeit geworben, sollte immer kritisch hinterfragt werden:

  • Welche Bauteile lassen sich tatsächlich verändern?
  • Welche Unterschiede zwischen den Pferden können damit ausgeglichen werden?
  • Welche Grenzen nennt der Hersteller?
  • Muss der Sattel vor jedem Pferdewechsel neu eingestellt und kontrolliert werden?
  • Wer übernimmt die Verantwortung für diese Kontrolle?
  • Wird die Passform auch unter Reiterbelastung überprüft?

Ein „verstellbarer“ oder „flexibler“ Sattel ist nicht automatisch ein Universalsattel. Die individuelle Kontrolle am Pferd bleibt unverzichtbar.

Warum ein Pad den Sattel nicht passend macht #

In der Praxis wird zusätzlich häufig ein Pad untergelegt. Es soll die Unterschiede zwischen den Pferderücken ausgleichen und denselben Sattel dadurch für verschiedene Pferde verwendbar machen. Damit wird jedoch zunächst nur weiteres Material zwischen Sattel und Pferd gebracht.

Ein Pad kann in klar definierten Fällen eine gezielte und fachlich kontrollierte Korrektur unterstützen. Es kann aber weder einen ungeeigneten Sattelbaum noch eine unpassende Kopfeisenwinkelung, eine falsche Ortganglänge, eine ungeeignete Kissenform oder eine zu große Auflagelänge ausgleichen. Bei einem bereits zu engen Sattel verringert zusätzliches Material den verfügbaren Raum sogar weiter und kann bestehende Druckprobleme verstärken.

Auch austauschbare Einlagen machen aus einem Sattel keine universell passende Lösung. Damit ein Korrekturpad sinnvoll eingesetzt werden kann, muss zunächst festgestellt werden, welche konkrete Abweichung ausgeglichen werden soll. Anschließend ist die Kombination aus Pferd, Pad, Sattel und Reiter erneut unter Belastung zu kontrollieren.

Ein Pad darf daher nicht dazu dienen, einen ungeeigneten Sattel lediglich ruhigzustellen oder äußerlich passend erscheinen zu lassen. Es ersetzt weder die individuelle Sattelanpassung noch die regelmäßige Kontrolle am jeweiligen Pferd.

Beim Einsatz eines Pads sollte deshalb immer kritisch hinterfragt werden:

  • Soll das Pad lediglich dafür sorgen, dass derselbe Sattel auf möglichst vielen Pferden verwendet werden kann?
  • Welche konkret festgestellte Abweichung soll das Pad ausgleichen?
  • Wurde die Kombination aus Pferd, Pad, Sattel und Reiter unter Belastung kontrolliert?

Weitere Hinweise hierzu finden Sie unter: Wie sind Sattlerpads zu nutzen?

Warum eine Vermessung im Stand das Problem nicht löst #

Selbst wenn zwei Pferde bei einer oberflächlichen Vermessung ähnliche Quermaße aufweisen, benötigen sie nicht zwangsläufig dasselbe Kopfeisen oder denselben Sattel. Entscheidend ist nicht nur die äußere Form, sondern die unter Bewegung und Belastung tragfähige Linie.

Ausführlich erläutere ich diesen Zusammenhang unter:

Warum reicht eine Oberflächenvermessung zur Bestimmung des Kopfeisens nicht aus?

Ein Sattel kann daher nicht allein anhand vermeintlich ähnlicher Rückenformen bedenkenlos von einem Pferd auf das nächste gelegt werden.

Auch Ausbildungsbetriebe tragen Verantwortung #

Besonders kritisch ist eine solche Arbeitsweise dort, wo Jugendliche den Umgang mit Pferden und ihre reiterlichen Grundlagen erlernen. Ausbildungszentren, Reitschulen und Lehrbetriebe haben eine Vorbildfunktion. Dort sollte nicht vermittelt werden, dass ein Sattel schon passe, solange das Pferd irgendwie darunter laufe.

Pferdegerechter Umgang zeigt sich nicht nur im Ton oder in der Trainingsmethode. Er beginnt bei der Bereitschaft, körperliche Auffälligkeiten wahrzunehmen, das Equipment regelmäßig zu kontrollieren und auf die individuellen Bedürfnisse jedes Pferdes einzugehen.

Worauf sollte man beim Pferdekauf achten? #

Beim Kauf eines angerittenen oder bereits vorgestellten Pferdes lohnt sich ein kritischer Blick hinter die Kulissen:

  • Mit welchem Sattel wurde das Pferd bisher geritten?
  • Wird derselbe Sattel für zahlreiche Pferde verwendet?
  • Wurde der Sattel jemals individuell kontrolliert?
  • Wurde regelmäßig ein Pad verwendet und aus welchem konkreten Grund?
  • Wer hat das Pferd geritten und mit welchem Gewicht?
  • Zeigt der Rücken Kuhlen, Verhärtungen oder deutliche Asymmetrien?
  • Wie reagiert das Pferd beim Putzen, Aufsatteln und Angurten?
  • Liegen nachvollziehbare Informationen zur bisherigen Ausbildung vor?

Der aktuelle Zustand eines Pferdes ist immer auch das Ergebnis seiner bisherigen Haltung, Ausbildung und Belastung. Diese Ausgangslage sollte vor dem Kauf möglichst genau betrachtet und später bei der weiteren Sattel- und Trainingsplanung berücksichtigt werden.

Hinweis zur Einordnung #

Dieser Beitrag richtet sich nicht pauschal gegen Züchter, Bereiter, Reitschulen oder Ausbildungsbetriebe. Es gibt verantwortungsvoll arbeitende Fachleute, die Sättel und weiteres Equipment regelmäßig prüfen lassen und jedes Pferd individuell betrachten.

Kritisiert wird eine Arbeitsweise, bei der wirtschaftliche Zweckmäßigkeit über die körperlichen Bedürfnisse des einzelnen Pferdes gestellt und ein Sattel ohne ausreichende Kontrolle für zahlreiche unterschiedliche Pferde verwendet wird. Ebenso kritisch sind Werbeaussagen zu betrachten, die den Eindruck vermitteln, eine technische Sattellösung oder ein zusätzliches Pad könne die individuelle Anpassung und Kontrolle am einzelnen Pferd ersetzen.

Weitere Informationen #

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