View Categories

Lässt sich die Kopfeisenweite mit dem Widerristmesser bestimmen?

Immer wieder wird Pferdebesitzern vor Ort ein sogenanntes HS-Widerristmesser präsentiert, mit dem angeblich die benötigte Kopfeisenweite ermittelt werden kann. Manche Kollegen versuchen damit, Kunden zu beeindrucken – tatsächlich ist dieses Werkzeug dafür aber völlig ungeeignet. Es liefert keine verlässlichen Ergebnisse und führt im schlimmsten Fall zu falschen Entscheidungen bei der Sattelanpassung.

Nach meinem Verständnis ist der HS-Widerristmesser in erster Linie als grobes Vergleichswerkzeug im Bereich der Sattelfront zu verstehen. Er kann helfen, unterschiedliche Sättel oder Kammerweiten miteinander zu vergleichen. Welche belastbare Aussage sich allein aus einer Messung direkt am Pferd ableiten lassen soll, erschließt sich mir dagegen nicht. Weder die spätere Sattellage noch die Winkelung, die Auflagefläche oder das Verhalten des Sattels unter Belastung lassen sich hierdurch bestimmen.

Hinweis des Herstellers zum HS-Widerristmesser

Die originale Bedienungsanleitung des HS-Widerristmessers weist ausdrücklich darauf hin, dass die verwendete Zahlenskala nicht identisch mit den Kammerweitenangaben der einzelnen Sattelhersteller ist.

Eine gemessene Zahl kann daher nicht unmittelbar in eine bestimmte Kopfeisenweite, Kammerweite oder einen bestimmten Winkel eines Sattelherstellers umgerechnet werden.

Das Messgerät dient lediglich als Orientierungshilfe zur Beschreibung und zum Vergleich von Widerristformen. Ob ein Sattel tatsächlich passt, muss zusätzlich anhand von Winkelung, Baumform, Auflagefläche, Kissen, Balance sowie unter Belastung und Bewegung beurteilt werden.

Bedienungsanleitung HS-Widerristmesser als PDF öffnen

Warum der Widerristmesser untauglich ist #

Ein Blick auf die roten Kopfeisen-Beispiele macht deutlich, warum der HS-Widerristmesser nicht funktioniert:

  • Langes R-Bar-Kopfeisen:
    Der Widerristmesser ist ca. 3,5 cm zu kurz und am Scheitelpunkt rund 1,5 cm zu hoch. Genau dieser Bereich ist entscheidend, um den aktiven Schulterbereich zu überbrücken und die Tragfähigkeit im unteren Bereich zu prüfen.
  • Kurzes S-Bar-Kopfeisen:
    Hier ist der Widerristmesser zu lang und ebenfalls am Scheitelpunkt zu hoch. Die Skala am Werkzeug ist wertlos – am Ende wird ohnehin wieder ein Schablonenblatt benötigt, um überhaupt in den Standardbereich zu kommen.
Für das lange R-Bar Kopfeisen ist der Widerristmesser ca. 3,5 cm zu kurz und oben zum Scheitelpunkt ca. 1,5 cm zu hoch. Bei Pferden, die das lange Kopfeisen benötigen, ist dies aber ein wichtiges Kriterium, um den aktiven Schulterbereich zu überbrücken und die Tragfähigkeit hier (im unteren Bereich) zu prüfen.
Für das kurze S-Bar Kopfeisen ist der Widerristmesser zu lang, was nicht unbedingt von Nachteil ist, aber oben am Scheitelpunkt ist er ganz einfach zu hoch. Zudem bringt die Skallierung am Werkzeug nichts und es wird doch wieder das Schablonenblatt benötigt um zu einer Aussage im Standard-Bereich zu kommen.

Zusätzlich fehlt dem Widerristmesser die nötige Breite, um ihn korrekt am Pferd anzulegen. Er berücksichtigt nicht die Muskulatur und ihre Tragfähigkeit in der simulierten Bewegung. Auch das exakte Winkelmaß lässt sich damit nicht ermitteln.

Warum die gemessene Weite alleine nicht ausreicht #

Ein Widerristmesser kann eine Orientierung zur Form und Weite im Bereich des Widerrists liefern. Hieraus ergibt sich jedoch noch keine vollständige Aussage darüber, ob ein Sattel funktionell passend aufgebaut ist.

Entscheidend ist nicht allein der Winkel im Bereich des Widerrists, sondern das gesamte Zusammenspiel aus:

  • Widerristform
  • Rückenverlauf
  • Bewegung des Schulterblatts
  • tragendem Bereich hinter dem aktiven Schulterblatt
  • Länge und Verlauf der Ortgangschenkel

Die Ortgangschenkel eines Sattels müssen den tragenden Bereich hinter dem aktiven Schulterblatt funktionell erreichen und stabil abstützen können.

Ähnlich wie bei einem Dachsparren reicht hierbei nicht allein der Winkel aus. Auch die Länge und der Verlauf der tragenden Struktur müssen zur Form des Pferdes passen.

Deshalb können zwei Pferde trotz ähnlicher Widerristform völlig unterschiedliche Anforderungen an die funktionelle Konstruktion des Sattels haben.

Der richtige Weg zur Ermittlung der Kopfeisenweite #

Das SimaTree-Kopfeisen wird direkt am Pferd aufgelegt und geprüft. Dafür gibt es eine klare Anweisung von SimaTree. Ergänzend habe ich seit über 10 Jahren ein bewährtes Kontrollverfahren in meine Arbeit integriert.

Wichtig zu wissen:

  • Kopfeisen unterliegen Fertigungstoleranzen.
  • Die Farbbereiche sind in 5-Grad-Schritten abgestuft.
  • Der professionelle Weg führt daher vom Standard-Kopfeisen zum klassifizierten Kopfeisen mit 1-Grad-Abstufung.

Nur so lässt sich die tatsächliche Kopfeisenweite präzise bestimmen – alles andere ist reine Augenwischerei.

👉 Mehr Informationen und Beispiele finden Sie hier:
Was gibt es Neues bei Sattlerei Steitz


👉 Ausführliche Einordnung des Messprinzips:
Arbeiten Sie mit dem HS-Widerristmesser?


Powered by BetterDocs